28. März 2026

Wie aus einer pflegerischen Handlung – genauer: aus der Verhinderung einer Handlung – eine Reflexion über Hierarchien und Macht wurde

Pflege – eine Reflexion über Hierarchien und Macht

Auslöser für mein Buch WHO CARES und den Blog Menschlichkeit im Krankenhaus war ein Spätdienst, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Zwei Pflegekräfte – mehr gab es nicht – waren verantwortlich für eine internistische Station.
Es war unmöglich, die unselbstständigen Patientinnen und Patienten mit Essen zu versorgen. Sie hätten gefüttert werden müssen.

Nachzulesen im Artikel: https://ruthkummer.com/warum-ich-diesen-blog-starte/

Wo bleibt die Menschlichkeit?

Zehn Jahre lang haben diese Gedanken in mir gearbeitet:

  • Warum habe ich nicht sofort reagiert?
  • Wie hätte ich reagieren können?
  • Warum wird ein Dienstplan abgesegnet, bei dem klar ist, dass die Arbeit nicht zu schaffen ist?
  • Warum werden Pflegekräfte solchen Situationen ausgesetzt?
  • Warum wird ein derartiger Umgang mit Patienten toleriert?

Wo bleibt die Menschlichkeit?

Die Interviews, die ich später mit Kolleginnen und Kollegen geführt habe, standen unter der zentralen Fragestellung:
Wie ist Menschlichkeit im Krankenhaus möglich?

Ich habe viele Antworten bekommen.
Nicht nur bedrückende – aber auch.

In diesem Text geht es um diese Seite.

Gesellschaftliche Relevanz – politische Ignoranz

Immer wieder wurde mir von mangelnder Wertschätzung berichtet. Daraus habe ich die folgende Kernthese entwickelt:

Die gesellschaftliche Relevanz von Pflege steht im Widerspruch zu ihrem Ansehen.

Jeder ist irgendwann von Pflege und Versorgung abhängig. Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens. Die Bedingungen, unter denen Pflege stattfindet, lassen häufig die Wertschätzung für diese Leben tragende Tätigkeit vermissen.

Hinzu kommt: Pflege ist ein Frauenberuf – und das Gesundheitswesen ist hierarchisch organisiert.

Wenn Menschen zur Funktion werden

Dominanz zeigt sich auf viele Arten.

Manchmal offen. manchmal subtil.
Und sie folgt einer einfachen Logik:
Sie beruht auf Abwertung.

Vielleicht erscheint es auf den ersten Blick weit hergeholt, hier Parallelen zu größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu ziehen.

Aber im Kern geht es immer um dieselbe Frage:
Was passiert, wenn Menschen auf ihre Funktion reduziert werden?

Der Patient, der nicht angemessen versorgt werden kann, zählt nicht –
zumindest, wenn er sich nicht beschweren kann.

Das Pflegepersonal zählt auch nicht.
Wenn du nicht mehr kannst, wirst du ersetzt.
Rekrutierungen laufen längst global.

Konflikt zwischen persönlichen Werten und wirtschaftlichem Nutzen

Der Konflikt in der Pflege ist kein individueller.
Er ist strukturell.

Er entsteht dort, wo der Anspruch auf Menschlichkeit auf ein System trifft,
das auf Effizienz und Verwertbarkeit ausgerichtet ist.

Es besteht ein grundlegender Widerspruch: Zwischen dem Menschsein – das auf Beziehung angewiesen ist, und einem Wirtschaftssystem, das den Gewinn über den Nutzen der Allgemeinheit stellt.

Was hätte ich tun können – und was müssen wir tun?

Ich frage mich heute nicht nur, was ich hätte tun können.

Ich frage mich, was wir tun müssen.

Eine Möglichkeit wäre gewesen, eine Art Alarmkette auszulösen, vergleichbar mit einem Hausnotruf.

  • Stationsleitung und Stationsärzte informieren
  • wenn keine Reaktion erfolgt: Pflegedienstleitung, Betriebsrat, Gewerkschaft
  • wenn weiter nichts geschieht: externe Stellen wie Feuerwehr, THW, Hilfsorganisationen
  • und als letzter Schritt: die Öffentlichkeit informieren.

Solche Schritte müssen vorbereitet sein.

Denn im Ernstfall fehlt genau das, was wir am dringendsten brauchen: Zeit.

Wer handeln will, muss einen Plan in der Tasche haben.

Pflege sichtbar machen, auch die Schattenseiten.

Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens.

Vielleicht beginnt Menschlichkeit genau dort, wo wir uns weigern, unmenschliche Zustände hinzunehmen.

Und vielleicht braucht es genau das:

den Mut, entschlossen für Ikonen der Menschlichkeit einzutreten.

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