11. Mai 2026

Was passiert, wenn niemand mehr kommt? Zum International Nurses Day

International Nurses Day am 12.5.2026 #IND2026 #OurNursesOurFuture #EmpoweredNursesSaveLives

Stellen Sie sich vor, Sie benötigen Unterstützung nach einem Unfall, einer Operation oder einem plötzlichen Krankheitsereignis. Sie läuten nach der Pflegeperson – aber niemand kommt.

Es ist niemand da, der Ihnen rechtzeitig ein Schmerzmittel verabreicht, die Übelkeit lindert, Ihnen beim Gang zur Toilette hilft oder gesundheitliche Veränderungen bemerkt, bevor daraus eine lebensbedrohliche Situation entsteht.

Was wie ein dystopisches Szenario klingt, war während der Corona-Pandemie in manchen griechischen Krankenhäusern bereits Realität.

Pflege rettet Leben. Internationale Studien belegen seit Jahren, dass eine gute pflegerische Versorgung die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten senkt, Komplikationen reduziert und die Versorgungsqualität verbessert.
Und dennoch wird Pflege bis heute systematisch unterschätzt, ökonomisch abgewertet und gesellschaftlich oft behandelt, als sei sie ersetzbar.

Dabei trägt Pflege wesentlich dazu bei, dass Gesundheitssysteme überhaupt funktionieren.

Pflege ist nicht „nur Unterstützung“

Pflegende beobachten Veränderungen oft früher als andere Berufsgruppen. Sie begleiten Menschen durch Schmerzen, Angst, Kontrollverlust und existenzielle Krisen. Sie koordinieren Abläufe, vermitteln zwischen Berufsgruppen und stehen Patienten und Angehörigen in Situationen bei, in denen diese sich oft nicht mehr selbst helfen können.

Und trotzdem verlassen viele Pflegekräfte ihren Beruf.

Die Gründe dafür sind seit Jahren bekannt:

  • schlechte Arbeitsbedingungen
  • Personalmangel
  • fehlende Wertschätzung
  • zunehmender ökonomischer Druck
  • mangelnde Mitsprache

Die emeritierte Professorin Christel Bienstein berichtete mir in einem Interview von einer Aussage aus einer Akkreditierungskommission der Uni Witten Herdecke:

Wozu brauchen Sie die Pflegewissenschaften? Sie haben doch die Medizin.

In diesem Satz zeigt sich ein tief verankertes gesellschaftliches Denken:

Pflege wird vielfach noch immer nicht als eigenständige professionelle Kompetenz wahrgenommen, sondern als Anhängsel anderer Disziplinen.

Der International Nurses Day erinnert an mehr als „Dankbarkeit“

Der International Nurses Day wird seit Jahrzehnten am Geburtstag von Florence Nightingale begangen. Doch es geht dabei um weit mehr als symbolische Anerkennung.

Der International Council of Nurses macht seit Jahren darauf aufmerksam, dass gute Pflege eine Grundvoraussetzung für stabile Gesellschaften und funktionierende Gesundheitssysteme ist.

2024 stand die wirtschaftliche Bedeutung von Care-Arbeit im Mittelpunkt.
2025 das Wohlergehen von professionell Pflegenden.
2026 lautet die Botschaft:

„Empowered Nurses save lives.“

Damit Pflege Leben retten kann, braucht es sichere Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, ausreichend Personal und professionelle Autorität.

Was eine Gesellschaft für wichtig hält, zeigt sich im Umgang mit Care-Arbeit

Was in einer Gesellschaft als normal, wichtig und wertvoll gilt, zeigt sich in Sprache, politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Prioritäten.

Selbst dort, wo Pflege gesellschaftlich breite Unterstützung erfährt, geraten Verbesserungen schnell ins Hintertreffen zugunsten kurzfristiger ökonomischer Überlegungen. Aktuell zeigt sich das in der Schweiz, wo die von der Bevölkerung unterstützte Pflegeinitiative politisch wieder unter Druck geraten ist.

Bei vielen Pflegenden kommt das so an:
Ihr seid nicht so wichtig. Eure Arbeitsbedingungen sind nicht so wichtig.

Die Soziologin und Historikerin Riane Eisler beschreibt die Abwertung von Care-Arbeit als strukturelles Problem moderner Wirtschaftssysteme. Tätigkeiten, die historisch überwiegend Frauen zugeschrieben wurden, werden gesellschaftlich und ökonomisch häufig geringer bewertet – obwohl ganze Gesellschaften ohne sie nicht funktionieren würden.

Und tatsächlich zeigen Länder mit einer höheren Gleichstellung oft auch bessere Arbeitsbedingungen in Pflege- und Careberufen sowie eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung dieser Tätigkeiten.

Pflege geht uns alle an

Pflege betrifft nicht nur Pflegekräfte. Sie betrifft Kinder, Alte, Angehörige, Kranke, Menschen mit Behinderungen – und letztlich jeden Menschen. Denn wir alle geraten irgendwann in Situationen, in denen wir auf andere angewiesen sind.

Deshalb gehören Pflege und Care in den gesellschaftlichen Dialog:
nicht als Randthema,
nicht nur in Krisenzeiten,
nicht nur am International Nurses Day,
sondern als zentrale Fragen einer menschlichen und zukunftsfähigen Gesellschaft.

Ich appelliere an Zeitungen und andere Medien, über den International Nurses Day zu berichten und das Thema Pflege stärker in den öffentlichen Diskurs einzubringen.

Es ist an der Zeit, Care ernst zu nehmen.

Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens.

Zur Vertiefung:

https://ruthkummer.com/was-koennen-pflegende-tun-um-wertschaetzung-fuer-sich-und-ihre-arbeit-zu-bekommen/

https://www.icn.ch/sites/default/files/2024-05/ICN%20Report_Uebersetzung_Summary.pdf

https://www.icn.ch/sites/default/files/2025-05/2025_05_ICN_IND2025_report_Executive_Summary_German.pdf

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