Pflege rettet Leben – und wird systematisch unterschätzt
Seit Jahren zeigen nationale und internationale Untersuchungen, dass gute Pflege die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten senkt, ihre Lebensqualität verbessert und das Gesundheitssystem insgesamt stabilisiert. Gleichzeitig ziehen sich immer mehr Pflegende aus ihrem Beruf zurück oder reduzieren ihre Arbeitszeit.
Nicht, weil ihnen ihre Arbeit gleichgültig wäre – sondern weil die Bedingungen es ihnen zunehmend unmöglich machen, so zu arbeiten, wie sie es fachlich, ethisch und menschlich verantworten können.
In meinen Interviews mit Pflegefachleuten tauchten dabei immer wieder drei zentrale Aussagen auf:
- Wir vermissen Wertschätzung.
- Wir wollen gehört werden.
- Wir vermissen eine ganzheitlichere Behandlung von Patientinnen und Patienten.
Diese Aussagen bilden auch den Kern meines Buches „Who Cares? Pflege zwischen Erschöpfung und Aufbruch“, das am 6.2.2026 erschienen ist. Die Erfahrungen aus den Interviews decken sich in weiten Teilen mit den Ergebnissen der Forschung.
Warum Pflegearbeit gesellschaftlich und politisch so wenig wertgeschätzt wird, habe ich bereits im Artikel
„Warum wird Pflegetätigkeit so wenig wertgeschätzt?“ näher beleuchtet. Auf diese strukturellen Hintergründe werde ich in meinem Blog immer wieder zurückkommen.
Rückzug aus der Pflege ist kein individuelles Versagen
Dass sich Pflegende resigniert zurückziehen oder ihre Arbeitszeit reduzieren, ist kein Zeichen mangelnder Motivation. Untersuchungen zeigen vielmehr: Problematische Arbeitsbedingungen führen dazu, dass Pflegende den Beruf verlassen oder zumindest teilweise den Rückzug antreten.
Genau diese Tendenz begegnete mir auch in meinen Interviews. Viele Pflegende wären bereit, wieder mehr zu arbeiten – allerdings nur unter Bedingungen, die eine qualitativ gute Pflege überhaupt erst ermöglichen.
Pflegende wissen sehr genau, was sie brauchen, um im Beruf zu bleiben oder wieder mehr Stunden leisten zu können. Die wichtigsten genannten Voraussetzungen sind:
- mehr Zeit für qualitativ hochwertige Pflege durch eine bedarfsgerechte Personalbemessung
- eine angemessene Bezahlung, die Fort- und Weiterbildungen anerkennt
- ein wertschätzender und respektvoller Umgang durch Vorgesetzte, Kollegialität sowie Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft
- verlässliche Dienstpläne
- eine vereinfachte Dokumentation
Diese Punkte sind seit Jahren bekannt – auch den politisch Verantwortlichen.
Pflege als Kostenfaktor oder Investition in Gesundheit?
Wie fragil politische Wertschätzung ist, zeigt sich unter anderem am Beispiel der Schweiz. Obwohl sich eine klare Mehrheit der Bevölkerung in einer Volksabstimmung für eine Stärkung der Pflege ausgesprochen hat, wurden zentrale Maßnahmen später wieder relativiert – mit Verweis auf mögliche Kosten.
Das passiert, wenn Pflege und Care primär als Kostenfaktor gelesen werden – und nicht als Investition in Gesundheit, Lebensqualität und Versorgungssicherheit.
Das Image von Pflegepersonal – und seine Folgen
Wie steht es um das gesellschaftliche Bild von Pflege?
Jens, den ich für mein Buch interviewt habe, beschreibt aus seiner Perspektive einen Wandel: weg vom „Überleben um jeden Preis“, hin zu einer Orientierung an einer möglichst guten letzten Lebenszeit.
Gerade in dieser Phase wird Pflege zentral – und gleichzeitig unsichtbar:
„Solange die Medizin läuft, ist die Pflege nur da, auf gut Deutsch gesagt, zum Waschen, Transportieren, Getränke bringen, Medikamente anhängen.“
Hier zeigt sich ein alter Frust vieler Pflegender: Pflege galt lange nicht als eigenständige Profession. Noch immer ist vielen nicht bewusst, welche lebenswichtige Arbeit sie leisten – von der Unterstützung bei Genesungsprozessen über die Wiedererlangung von Autonomie und Lebensqualität bis hin zur Schmerzreduktion und Lebensrettung.
Was passiert ohne Pflege?
Die Folgen schlechter Pflegebedingungen sind gut belegt: Internationale Untersuchungen zeigen, dass Einsparungen beim Pflegepersonal die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten erhöhen.
Umgekehrt sinkt das Sterberisiko dort deutlich, wo ausreichend qualifizierte Pflegepersonen für eine überschaubare Zahl von Patientinnen und Patienten verantwortlich sind. Pflege ist damit kein „weicher Faktor“, sondern ein zentraler Bestandteil von Heilung und Sicherheit.
Pflege vom Hilfsberuf zum Heilberuf
Pflege wird zunehmend als eigenständiger Heilberuf anerkannt. Gesetzliche Veränderungen zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung sind wichtige Schritte. Gleichzeitig wächst die Diskussion um Professionalisierung, Akademisierung und Registrierung von Pflegepersonen.
Internationale Beispiele zeigen, dass kontinuierliche Weiterbildung, fachliche Verantwortung und Qualitätssicherung nicht Einschränkung bedeuten, sondern Anerkennung, Vertrauen und Sichtbarkeit stärken können.
Was können Pflegende selbst tun, um Wertschätzung zu erfahren?
Auch wenn viele Rahmenbedingungen politisch entschieden werden, gibt es Handlungsspielräume:
- Sei dir bewusst, was du tust. Pflege ist komplex, anspruchsvoll und lebenswichtig.
- Seid euch bewusst, wie viele ihr seid. Vernetzung und Organisation schaffen Sichtbarkeit.
- Redet über euren Beruf. Nicht jammernd, sondern erklärend.
- Nur eine informierte Öffentlichkeit kann Fürsprecherin der Pflege werden.
- Prüft die Außendarstellung eurer Arbeitgeber. Kommt Pflege dort sichtbar vor?
Veränderungen von Narrativen brauchen Zeit. Was bislang vor allem fehlt, ist das Wissen der Öffentlichkeit darüber, was Pflegetätigkeit tatsächlich bedeutet. Aufklärung stärkt nicht nur die Gesellschaft – sie stärkt auch Pflegende in der Wertschätzung ihrer eigenen Arbeit.
An welchen Lösungen arbeitet ihr? Ich freue mich über euer Feedback!
Pflege ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens
Studien & Hintergründe (Auswahl)
- Studie „Ich pflege wieder, wenn…“ (2021): Rückzug aus der Pflege als Folge problematischer Arbeitsbedingungen. https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-neue-studie-mindestens-300-000-zusatzliche-pflegekrafte-40798.htm
- Studie „Mehr-Pflege-Kraft“ (2019): Pflegende benennen klar Wertschätzung, Mitsprache und Berufsimage als zentrale Verbesserungsfaktoren. https://pflegenetzwerk-deutschland.de/schwerpunkte/aktion-mehr-pflege-kraft/auswertung-im-detail
- Volksabstimmung Schweiz (2021): 61 % Zustimmung zur Stärkung der Pflege, anschließende politische Relativierung. https://www.srf.ch/news/schweiz/gesundheitsberufe-zweiter-schritt-der-pflegeinitiative-sorgt-fuer-streit
- Aiken, Linda H. et al. (2014): Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study. The Lancet, Volume 383, Issue 9931, 1824 – 1830. Zusammenhang zwischen Pflegepersonaldichte, Ausbildungsniveau und Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten. https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S0140-6736%2813%2962631-8
- Buresh, Bernice/ Gordon, Suzanne 2006: Der Pflege eine Stimme geben. Was Pflegende wie öffentlich kommunizieren müssen. Huber Verlag, Hogrefe, Bern. Hier: Bedeutung öffentlicher Aufklärung über Pflege für Selbstwert und gesellschaftliche Anerkennung.