Fehlende Wertschätzung von außen – Unsicherheit in der Selbsteinschätzung
„Wozu brauchen Sie hier an der Uni Pflegewissenschaften, sie haben doch die Medizin!“
Das bekam Christel Bienstein in ihrer damaligen Funktion als Leiterin der pflegewissenschaftlichen Fakultät der Uni Witten-Herdecke von dem ärztlichen Leiter eines großen deutschen Krankenhauses zu hören, der über die Akkreditierung dieser Hochschule zu befinden hatte.
Diese Aussage könnte glatt als Karikatur durchgehen, wirft aber ein hartes Schlaglicht auf das Verhältnis zwischen Medizin und Pflege in diesem Land. Oder sagen wir, auf das geschichtliche Verhältnis zwischen Medizin und Pflege. Die nicht minder provozierende Antwort Biensteins könnt ihr im Interview: „Unsere Kollegen müssen mal mehr über ihre guten Taten berichten“[1] nachlesen.
Worum es hier geht: Um den größten Schmerz von Pflegenden, zumindest im deutschsprachigen Raum: nicht gesehen und nicht geschätzt zu werden- und mögliche Ursachen[2]
Kennt ihr auch abwertende Bemerkungen? „Füdliputzer“, „Hinternputzer“? Ja, jemand muss auch Windeln wechseln, bei Klein und Groß, bei Jung und Alt und/oder krank! Aber wenn ein ganzes Berufsbild nur auf eine Tätigkeit reduziert wird, dann stimmt etwas nicht! Das ist Stimmungsmache, und keine ernstzunehmende Auseinandersetzung über den Aufgabenbereich von Pflegepersonen.
Wie fühlst du dich, wenn du nach deinem Beruf gefragt wirst und „Pflegefachfrau“ antwortest? Bist du stolz, dass du beigetragen hast, Leid zu lindern, oder hast du Schuldgefühle, was du gestern alles vergessen und nicht geschafft hast?
Wie fühlst du dich, wenn du „Pflegefachmann“ antwortest und zu hören bekommst: „Warum hast du nicht Medizin studiert? Pflege ist doch ein Frauenberuf!“ Oder sogar: „Willst du wirklich alten Leuten den Hintern abputzen, dafür bist du doch zu intelligent!“[3]
Nur so nebenbei: das gegenseitige Be- und Abwerten passiert auch innerhalb der Gruppe der Pflegefachleute. Als Füdliputzer wurden Pflegekräfte einer Reha-Abteilung bezeichnet, von Kollegen der benachbarten Intermediate Care – also einer Überwachungsstation. Je technischer oder bürokratischer, desto höher steigt man im Ansehen. Alten- und Langzeitpflege gehört zu den gering geschätzten Berufen[4].
Auf einem Pflegekongress traf ich mal einen Kollegen, den ich Jahrzehnte nicht gesehen hatte. Nach einem kurzen Check, was wir so in der Zwischenzeit gemacht haben, platzt es aus ihm heraus: „Was, du bist immer noch am Bett…?“ Mit anderen Worten: du hast noch keine Karriere in Forschung, Lehre oder Wirtschaft gemacht?
Die Schlussfolgerung: je näher am Patienten und je weniger technisiert, desto unbeliebter und ungeschätzter die Tätigkeiten. Was liegt so einer Sichtweise zugrunde?
Basisarbeiten mit hohem Gebrauchswert aber niedrigem Tauschwert
Die Basisarbeiten wie versorgen, entsorgen, Nachschub leisten, alles Tätigkeiten, bei denen man sich auch mal die Finger schmutzig machen kann, gelten als niedere Tätigkeiten. Pflegepersonal, Müllarbeiter, Supermarktangestellte, Kinderbetreuerinnen. „Hoher Gebrauchswert- niedriger Tauschwert“, wie Prof. Dr. Ute Luise Fischer, eine Soziologin und Volkswirtin an der FHS Dortmund den sozialen Dienstleistungsberufen attestiert (vgl. FN 2). Zwar wurden diese Berufe in der Coronapandemie als systemrelevant beklatscht- und schon wieder vergessen. Fischer geht in ihrem Artikel auf die mangelnde Wertschätzung des Altenpflegeberufs ein, ihre Ausführungen lassen sich aber auch auf andere soziale Arbeitsbereiche übertragen, die grundlegend für das Funktionieren von Gesellschaften sind.
„Die Beschäftigten in diesen Bereichen erzielen geringe Einkommen, die Institutionen als Anbieter dieser Leistungen erzielen geringe Preise. Das liegt in der Natur der Sache des „öffentlichen Gutes“ soziale Dienstleistung. Die Gesellschaft braucht sie, aber die Betroffenen können sie selbst nicht finanzieren. Daher muss die öffentliche Hand diese bereitstellen und damit werden sie Gegenstand von Zielkonflikten in der angespannten Haushaltslage.“ (ebd.)
Anders gesagt, als einen Grund für geringe Wertschätzung von Sorgetätigkeiten kann man ihre einseitige Wahrnehmung als Kostenfaktor im Wirtschaftsgeschehen ausmachen. Das geringe öffentliche Ansehen dieser Berufe hat nicht zuletzt damit zu tun, dass diese Aufgaben dem Gemeinwesen nicht mehr wert sind. Fehlende Wertschätzung führt nach Fischer zu Verunsicherung über Wert und Bedeutung der eigenen Arbeit, zu innerem Rückzug, zu sinkender Qualität und damit wiederum zu sinkender Wertschätzung.
Weitere Gründe nennt der PRO PflegeManagement Verlag in seinem Artikel zu Wertschätzung in der Pflege[5]:
- Fehlende Priorität, nach Corona seien andere politische Ereignisse im Vordergrund.
- Fehlende Sichtbarkeit, die Arbeit findet weitgehend außerhalb der Wahrnehmung der Öffentlichkeit statt.
- Fehlende Kommunikation, in Presse und Medien ist die negative Sicht auf den Beruf häufiger als die Betonung der Benefits für die Eigenständigkeit von Patienten durch Pflegende.
Frauenarbeit- der lange Schatten der Geschichte
Ein wichtiger Faktor für die geringe Wertschätzung wird aber gerne übersehen! Pflege ist mit einem Frauenanteil von über 80% ein Frauenberuf. Das ist nicht immer so gewesen. Zu diesem Thema wird es einen separaten Blog geben. Nur so viel für heute: mit den naturwissenschaftlichen Fortschritten der Medizin, der Entwicklung der Armenhospitäler zu Krankenhäusern, einem Anstieg von Erkrankungen infolge von Industrialisierung und Kriegen, stieg der Bedarf an der Versorgung dieser Erkrankten. Wie Claudia Bischoff im Argument Sonderband 86[6] ausführt, wurde während des 19.Jahrhunderts diskutiert, ob dieser neu zu gestaltende Beruf eher für Männer oder für Frauen geeignet sei, mit dem bekannten Ergebnis! Mit den Folgen dieser Konstruktion einer idealisierten und reglementierten Frauenrolle haben Frauen und Frauenberufe bis heute zu tun.
Als Prof. Dr. Irene Kriesi, eine Schweizer Soziologin auf einem internationalen Soziologiekongress ihre Forschungsarbeit zu geschlechtstypischer Berufswahl vorstellte, wurde sie anschließend von einem männlichen Kongressteilnehmer gefragt, warum sie sich überhaupt die Mühe mache, ein derart sinnloses Thema zu bearbeiten. Geschlechtsunterschiede bei der Berufswahl hätten doch biologische Gründe.[7] Der lange Schatten der Geschichte reicht auch bis in die heutige Zeit.
Konkurrenz oder Kooperation?
Was liegt den Abwertungen zugrunde? Eine Weltsicht, in der es Über- und Unterordnung gibt. Eine Sichtweise, in der Fortschritt bedeutet, lästige Basisarbeiten an jemanden anderen übertragen zu können. Als Folge davon gelten Arbeitsbereiche, je nach Perspektive, wertvoll oder nicht. Menschen werden gleich in diese Bewertungen mit übernommen. Es ist ein Konkurrenz- und kein Kooperationsmodell.
Für Christel Bienstein ist der Knackpunkt in der Pflege, dass die Kollegen ihre Fachkenntnisse zu wenig erkennbar machen. Das ist zutreffend. Diese Unterwürfigkeit ist erlernt- und kann ent-lernt werden! Aber ich gehe weiter und sage, der Knackpunkt in der Pflege ist der Kampf zwischen persönlichen Werten, die von Mitmenschlichkeit gesteuert werden und unpersönlichen Werten eines entfesselten, marktwirtschaftlichen Gesundheitswesens. Dieser Kampf betrifft nicht mehr nur die Pflege, sondern alle Beteiligten, die in diesem Bereich tätig sind.
Zum Abschluss möchte ich euch die Arte Doku „Am Limit. Aus dem Alltag eines Psychiaters“ empfehlen. Ein Dokumentarfilm von Nicolas Peduzzi (F 2023, 103 Min). [8]
Ab 1:36:47 berichtet der Protagonist vom Gespräch mit einem anderen Psychiater, den er um Rat fragt: „Es sind die Arbeitsbedingungen, die dich krank gemacht haben. Es ist ihnen egal, ob Patienten sterben, ob du stirbst. Ihr seid da, um eure Arbeit zu machen, im vorgegebenen Tempo und aus Gründen, die mit der Behandlung nichts zu tun haben. Wenn du deinen Beruf korrekt ausüben willst, wird das nicht in einem öffentlichen Krankenhaus möglich sein.“
[1] Interview mit Christel Bienstein vom 9.1.2025, auf www.ruthkummer.com erhältlich.
[2] https://pflegenetzwerk-deutschland.de/thema-mehr-pflege-kraft Studie des Bundesgesundheitsministeriums zu Wünschen und Vorschlägen von Pflegenden
[3] https://www.medinside.ch/%C2%ABpflege-das-ist-doch-ein-frauenberuf%C2%BB-20250520
[4]Fischer, Ute Luise: https://www.caritas.de/neue-caritas/heftarchiv/jahrgang2011/artikel2011/wertvoll-aber-nicht-geschaetzt-der-alten
[5] https://www.ppm-online.org/pflegedienstleitung/pflegepersonal/wertschaetzung-in-der-pflege/
[6] https://www.uebergabe.de/content/files/jkmg/wp-content/uploads/2013/03/jkm_band8_kapitel4_bischoff.pdf
[7] Kriesi, I. (2016). Warum es Frauen- und Männerberufe gibt. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 1 (1). https://transfer.vet/warum-es-frauen-und-maennerberufe-gibt/ Fachzeitschrift für Berufsbildung in der Schweiz