Was das Recht auf Care in Lateinamerika mit der Zukunft unserer Gesellschaft zu tun hat
Was heißt es „Pflege sichtbar zu machen“? Was bedeutet es, Pflege als gesellschaftliche Zukunftsfrage zu verstehen? Und was hat das Recht auf Care in Lateinamerika mit den Verhältnissen in Europa zu tun?
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschlichkeit im Gesundheitswesen möglich ist. Als Krankenschwester habe ich erlebt, was es bedeutet, unter Bedingungen zu arbeiten, in denen selbst grundlegende menschliche Bedürfnisse – etwa einem Patienten Essen zu geben – nicht mehr selbstverständlich erfüllt werden können. Aus diesen Erfahrungen entstand zunächst die Frage nach Menschlichkeit im Krankenhaus, später mein Buch WHO CARES – Pflege zwischen Erschöpfung und Aufbruch.
Als ich über die Station hetzte und im Vorbeigehen den Patienten etwas Essen in den Mund schob, habe ich die Situation weggedrängt. Als ich mir später der Unmenschlichkeit der Situation bewusst wurde, dachte ich, das sei mein persönliches Versagen. Heute weiß ich: Es ist eine Erfahrung, die Millionen Care-Arbeitende weltweit teilen. An dieser Stelle beginnt die politische Dimension von Care, wenn persönliches Leid als gesellschaftliche Erfahrung verstanden wird.
Von der Bewusstwerdung zum Recht auf Care
In Mexiko und anderen Lateinamerikanischen Staaten gibt es seit 2025 ein Recht auf Care. Das bedeutet, man hat das Recht, Care zu empfangen, unter gerechten Bedingungen durchzuführen und das Recht auf Selbstfürsorge, was auch das Recht auf eigene Zeit einschließt.
Jana Vasil’eva ist eine feministische Sozialwissenschaftlerin, die die Entwicklung zu einer Care Gesellschaft in Mexiko seit über 10 Jahren begleitet. In ihrem Videovortrag: „Care als Praxis politischer Transformation in Mexiko: Von Selbstorganisation, Recht und öffentlich-gemeinschaftlicher Care-Politik“ erzählt sie von den Entwicklungen, die zum Rechtsanspruch auf Care führten und der praktischen Umsetzung von teils selbst organisierten Unterstützungsmassnahmen für Frauen, die Care leisten.
Als ich den Vortrag von Jana Vasil‘eva hörte, wurde mir deutlich, dass ähnliche Fragen wie die meinen auch an ganz anderen Orten der Welt gestellt werden:
Wie ist es möglich, dass lebenserhaltende Arbeit als selbstverständlich erwartet wird und andererseits als unwichtig gilt?
Vasil’eva zeigt, wie aus den Erfahrungen unbezahlter Care-Arbeiterinnen zunächst Bewusstwerdung entsteht, daraus Selbstorganisation, anschließend politische Bündnisse und schließlich konkrete gesellschaftliche Veränderungen.
Dieser Wandel beginnt oft damit, dass Menschen ihre Erfahrungen in Worte fassen und erkennen, dass ihr persönliches Erleben Teil eines größeren Zusammenhangs ist.
Menschen erkennen, dass ihre Erschöpfung kein persönliches Versagen ist, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen. Aus dieser Erkenntnis entstehen neue Begriffe, neue Formen der Selbstorganisation und schließlich neue politische Möglichkeiten.
Genau diesen Weg beschreibt Jana Vasil‘eva in ihrem Vortrag über das Recht auf Care in Lateinamerika.
Dabei geht es um weit mehr als um Pflege oder Sozialpolitik.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie eine Gesellschaft Sorge füreinander organisiert und welche Bedeutung Care für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und ein gutes Leben besitzt.
Was geschieht, wenn Menschen beginnen, ihre Erfahrungen anders zu verstehen?
Viele der unbezahlten Care-Arbeiterinnen glaubten, sie hätten kein Recht darauf, müde zu sein.
Sie dachten:
- Ich bin Mutter, Schwester, Tochter, Ehefrau.
- Ich muss das schaffen.
- Ich darf nicht müde sein.
Nachdem ihre Leistungen sichtbar gemacht wurden, sagten sie:
- Ich leiste Care-Arbeit.
- Diese Arbeit hat gesellschaftlichen Wert.
- Ich habe Rechte.
- Ich brauche selbst Care.
- Mein Leid ist kein individuelles Versagen, sondern eine gesellschaftliche Struktur.
Das ist ein vollständiger Perspektivwechsel.
Jana Vasil‘eva erzählt, dass die Frauen zunächst lernen mussten, überhaupt sagen zu dürfen:
„Ich bin erschöpft.“
Veränderung wird möglich, wenn Menschen etwas sehen, was vorher unsichtbar war.
Und diesem Sichtbarmachen gehen oft jahrelange Kämpfe voraus. Um diesen Perspektivwechsel geht es auch in europäischen Krankenhäusern und Care-Einrichtungen. Pflege sichtbar machen heißt auch, sich darüber klar zu werden, es war nicht nur ein stressiger Dienst, „da muss man eben durch“! Sondern zu sagen: Stopp, da stimmt etwas grundsätzlich nicht.
Wie sieht eine Stadt aus, in der das Recht auf Care tatsächlich gelebt werden kann?
Die Umsetzung in Mexiko
Jana beschreibt die praktischen Schritte, wie aus der Erfahrung der täglichen Not Stadtteilinitiativen wurden, Kooperationen entstanden, Netzwerke und politische Bündnisse, die letztlich in der Verfassungsänderung mit dem Recht auf Care endeten.
Ein Unterstützungsangebot sind die UTOPIAS (spanische Abkürzung für: Einheiten für Transformation und Organisation für Inklusion und soziale Harmonie), Zentren für Erholung, Freizeitgestaltung, Gewaltprävention, Bildung, Kultur und Gesundheit für diejenigen, die täglich Sorge für andere tragen. Bereiche, die wir in Europa oft getrennt organisieren, sind hier an einem Ort versammelt, in nächster Nähe zu denen, die sie in Anspruch nehmen.
Die Zentren orientieren sich an den bestehenden Hilfsnetzwerken von Frauen, die seit Jahrzehnten dort für Zugang zu Wasser, Gemeinschaftsküchen und gemeinsam nutzbare Waschmöglichkeiten gesorgt haben.
Damit ist die Arbeit nicht zu Ende. Ziel ist, die Gesellschaft in sorgende Gesellschaften zu verwandeln. Das zeigt ein weites Verständnis von Care, im Prinzip von Care als Grundvoraussetzung für das Gedeihen des Lebens. Der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten ist das Leben der Menschen mit ihren Erfahrungen und Bedürfnissen und nicht Institutionen.
Was kann Europa daraus lernen?
Wenn Pflege eine gesellschaftliche Zukunftsfrage ist, dann geht das Thema weit über „Wie ist Menschlichkeit im Krankenhaus möglich“ hinaus. Dann geht es vielmehr darum, wie sorgende Gesellschaften und mehr Gerechtigkeit entstehen.
Sorgende Gesellschaften haben die Bedürfnisse der Menschen im Blick. In Mexiko und anderen Ländern Lateinamerikas und der Karibik ist man dabei, diese Strukturen aufzubauen. Care wird nicht als Dienstleistung für Schwache verstanden, sondern als Kultur der Gegenseitigkeit.
In Teilen Europas wird noch diskutiert wie Zusammenarbeit, Interdisziplinarität, attraktivere Zukunftsbilder, gemeinsame Symbole und praktisches Experimentieren gelingen können (Turning the Tide, Demos Helsinki, vgl. Blog vom 6.6.26). Lateinamerika aber auch Skandinavien zeigen, dass neue Wege möglich sind.
Diese Kultur der Gegenseitigkeit zeigt sich auch in den Lösungen, die beispielsweise Schweden für dünn besiedelte Gebiete entwickelt: gute Organisation von Krankenstationen, Mitgefühl, Fürsorge und Telemedizin.
Europa kann viel von den Erfahrungen des globalen Südens lernen. Dort entstehen Modelle die zeigen, wie sorgende Gesellschaften praktisch gestaltet werden können. Überall wird an Lösungen gearbeitet. Wesentlicher Erfolgsfaktor scheint zu sein, die Menschen und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt und damit Herrschaftsformen in Frage zu stellen.
Warum ist das für professionell Pflegende wichtig?
Genau dieses erweiterte Pflegeverständnis vertritt der ICN (International Council of Nurses) mit seiner neuen Definition von Nurse und Nursing:
- Gerechter Zugang zu Gesundheit
- Menschenwürdige Versorgung
- Kulturell sichere Pflege
- Nachhaltige Lebensbedingungen
- Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen.
Nicht zuletzt werden vorbestehende Strukturen wiederentdeckt, wie in Schweden die Krankenstationen, in Mexiko und Europa die Nachbarschaftshilfe, Gemeindeschwestern etc. Die Dinge haben nur neue Namen bekommen. Auch Demos Helsinki stellt fest: eine Bewegung gibt es bereits.
Unsere Aufgabe bleibt es, Dinge zu benennen, die nicht stimmen, mit dem zu beginnen, was da ist und die Hoffnung nicht zu verlieren. Es gibt bereits die gelebte Praxis, Care aus einer weiteren Perspektive zu verstehen, als Verbundenheit zwischen Menschen und unsere Abhängigkeit voneinander und der Natur.
Mit meinem Buch „WHO CARES“ wollte ich dazu beitragen, Unsichtbares sichtbar zu machen. Gesellschaftliche Veränderungen beginnen dort, wo Menschen ihre Geschichten erzählen, gehört werden und erkennen, dass ihre Erfahrungen Teil eines größeren Zusammenhangs sind.
Ich habe Pflegenden eine Plattform gegeben, über ihre Erfahrungen zu berichten. Oft erinnerten sie sich im Verlauf der Interviews an besondere Ereignisse, aus denen einige der berührendsten Momenten im Buch entstanden sind. Momente, die Einblick in die Stärke der Verbundenheit zwischen Pflegenden und Patientinnen und Patienten geben. Und Momente, die uns das Leben als kostbares Geschenk zeigen. Ohne Care kein Leben!
Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens.
Im nächsten Blog stelle ich weitere Beispiele dafür vor, wie Sichtbarkeit gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann.
Quellen:
Beispiel Schweden: https://www.who.int/europe/de/news-room/photo-stories/item/connecting-care–exploring-sweden-s-innovative-phc-model
Jana Vasil’eva: https://youtu.be/dwI5rTNAvoY?si=Yisrd67Yd3I_rm9I
Anmerkungen
Dieser Blog erscheint neu ca. einmal pro Monat.
Das Interview mit Prof. Christel Bienstein zu Selbstverständnis und Selbstbewusstsein von Pflegenden in Deutschland ist jetzt auf meiner Blogseite frei zugänglich.