26. Mai 2025

Warum ich diesen Blog starte

Warum ich diesen Blog starte #Für Ikonen der Menschlichkeit 

Der plötzliche Tod meines Mannes hat mir meine eigene Endlichkeit in Erinnerung gerufen. Damit begann eine Suche nach Dingen, für die es sich lohnte weiterzumachen. Ich wollte nicht mehr funktionieren, sondern etwas Sinnvolles mit dem Rest meines Lebens anfangen. So schrieb ich mich für eine Weiterbildung in Medizinethik ein. Nach der Anmeldung wurde ich von Erinnerungen aus meinem Arbeitsleben als Krankenschwester überflutet. Erinnerungen an Situationen und Patienten tauchten auf, die teilweise Jahrzehnte zurücklagen.

Ein Bild hat sich bei mir festgesetzt: ein Spätdienst, wir sind zu zweit auf einer großen internistischen Station. Ich hetze durch die Zimmer und schiebe mal der einen, mal dem anderen einen Löffel Essen in den Mund. In diesem Moment habe ich nur funktioniert, aber mein Körper hat es als etwas gespeichert, was gegen meine tiefsten Überzeugungen verstieß.

Nach 10 Jahren kommt diese Erinnerung an die Oberfläche, die „Ikone der Unmenschlichkeit“ und veranlasst mich, andere Kollegen nach ihren Erfahrungen zu befragen. Der Fokus liegt auf der Menschlichkeit im Krankenhaus, ob und wie sie möglich ist. Mein wichtigstes Anliegen ist, dass wir uns der Kürze und Kostbarkeit unseres Lebens und demjenigen unserer Patienten bewusst und damit zu einem Hebel werden, der mehr Menschlichkeit ermöglicht. Ich möchte den Erkenntnissen aus dem Buch weiter nachgehen, der Pflege und den Patienten eine Stimme geben und dazu beitragen, dass das beeindruckende Konzept der Caring Economy von Riane Eisler bekannter wird. Jeder in der Pflege weiß, dass die Arbeitsbedingungen für Pflegende in Skandinavien top sind. Aber wisst ihr auch warum? Darauf hat Riane Eisler eine Antwort!

Warum gibt es den Blog? #Für Ikonen der Menschlichkeit

Warum gibt es das Buch, wozu ist es nütze?

Mein Buch hat das Ziel, dem Pflegeberuf und den Patienten Wertschätzung zu zollen, den Kolleginnen und Kollegen eine Stimme zu geben und Mediziner, Ökonomen und andere Wissenschaftler vorzustellen, die im weiteren Sinne die fehlende Ganzheitlichkeit in Gesundheitswesen und Gesellschaft im Blick haben. Es geht existenziellen Fragen zum Pflegeberuf und Gesundheitssystem nach. Ist Pflege weiblich oder menschlich? Warum haben Pflegende den Eindruck, von ihren Arbeitgebern nicht ernst genommen zu werden? In welchem Wirtschaftssystem bewegen wir uns? Warum wollen alle die Pflege aufwerten, fragen aber nicht die Betroffenen, wie es gehen könnte? Gibt es andere Perspektiven auf das Geschehen, die Schmerzpunkte nicht ausblenden und Lebensqualität in den Fokus stellen?

Ich verbinde die Hauptaussagen der befragten Kolleginnen:

• Wir erfahren keine Wertschätzung

• Wir wollen gehört werden

• Wir vermissen Ganzheitlichkeit im Umgang mit den Patienten,

mit Forschungsergebnissen und Aussagen von Vertretern der Integrierten Medizin, kritischen Ökonomen, dem ICN (International Council of Nurses) und einer Patientin, die sich selbst als „Langzeitsterbende“ bezeichnet hat.

Das Buch kann zu einer transformativen Reise durch die Schönheiten und Abgründe deines Berufes und deiner Person werden. Du kannst dich in den Geschichten wiedererkennen und mit neuer Kraft auftauchen. Wertschätzung und Veränderung fangen bei dir an.

Die Pflege ist die zahlenmäßig größte Berufsgruppe im Gesundheitssystem, ist sich jedoch dieser potenziellen Macht nicht bewusst. Wir bekommen immer wieder zu hören „ihr könnt nur meckern“. Was wäre, wenn wir den Spieß umdrehen und konstruktive Vorschläge machen würden, bis man uns zuhört? #Care.Gesundheit.Ökonomie.Die Punkte verbinden.

Wie hängen Buch und Blog zusammen? Oder: Warum stelle ich die Frage nach Menschlichkeit im Krankenhaus?

Ich habe Situationen erlebt, die ich zutiefst unmenschlich empfand. Für Patienten und für Pflegende. Pflege im Akkord, keine Zeit, Menschen zu füttern. Patienten ohne Hilfe im Bett neu zu positionieren, weil die Kollegen auch alle beschäftigt sind, das kann in eine körperlich und psychisch überfordernde Situation ausarten. Kognitiv eingeschränkte Patienten, schwere Patienten, in fast jedem Bett eine Überraschung, entweder die Infusion, die nicht mehr läuft, weil die Vene verstopft ist oder der Patient sie sich komplett entfernt hat und blutet, die Windeln voll sind, gleichzeitig läutet der nächste, erst mal hinlaufen, einschätzen, wie dringlich es ist, kann ich die eine Arbeit beenden oder nicht? So kann aus einer einfachen geplanten Aufgabe, den Patienten in eine neue Position zu bringen, eine komplexe Aktion werden. Multitasking vom Feinsten. Da können die Nerven schon mal mit einem durchgehen. Du wirst vielleicht ungeduldig oder ruppig. Ob du willst oder nicht, der Patient bekommt es mit, bekommt es ab, und du fühlst dich auch noch schuldig! Das sind Situationen, die täglich aus dem Ruder laufen, Stress verursachen. Hinzu kommt, dass zumindest auf den Stationen, auf denen ich in den letzten Jahren tätig war, häufig keine Zeit für die Pflegepersonen war, auf die Toilette zu gehen, eine angemessene Pause zu machen, damit meine ich, die Station zu verlassen, die Gelegenheit zu haben, sich entweder für 20 Minuten zurückzuziehen, in Ruhe zu essen oder was auch immer. Ich spreche aus Sicht der Pflegenden. Die Kollegen, die ich befragt habe, berichteten Ähnliches.

Wie ist in solchen Situationen Menschlichkeit möglich? Für dich und die Patienten?

Als ich mal gefragt wurde, was stört dich an deinem Beruf, da kam wie aus der Pistole geschossen: die Ausbeutung weiblicher Fürsorgequalitäten! Ohne Fürsorge würde es uns gar nicht geben! Aber wenn Fürsorge nur den Frauen zugeordnet wird, dann geraten die Dinge aus dem Lot.

Das Buch hat etwas freigelegt. Es bietet mögliche Erklärungsmuster, warum es so ist, wie es ist. Aber es hat einen begrenzten Rahmen. In dem Blog können wir weiter und tiefer in einzelne Themen einsteigen.

Neuer Fokus – vom Helfen zum Dienen

Als ich während meines Studiums der Sozialwissenschaften temporär in einem Krankenhaus arbeitete, um das Studium und mein Leben zu finanzieren, rückte für mich die Bedeutung der Kommunikation mit den Patienten in den Fokus. Ich machte nur Nachtdienste, da gab es dann eher mal Raum, sich mit einzelnen Menschen zu unterhalten, die zum Beispiel mit einer Krebsdiagnose konfrontiert waren und plötzlich völlig ratlos vor dem Leben standen. Oder Frauen nach Fehlgeburten, tief traurig und aus der Bahn geworfen. Ein Mann mit Ängsten, die seine Erkrankung ausgelöst hatte und die zu Konflikten mit seiner Community führen würden. Ich hörte zu und begleitete ihn in die Krankenhauskapelle. Er gab mir später ein Zettelchen mit einem Segenswunsch in seiner Muttersprache nebst deutscher Übersetzung. Dieser Zettel begleitet mich seit Jahrzehnten. Genau wie ein paar Zeilen des Dankes in der krakeligen Handschrift einer alten Dame.

Wir sind uns unserer Wirkung oft nicht bewusst – der Wirkung jenseits der Rolle. Diese Begegnungen, wo beide aus der jeweiligen Rolle heraustreten und sich als Menschen treffen, zuhören, füreinander da sind, habe ich als sehr kostbar empfunden. Auch die Sprachlosigkeit gehört dazu, wenn ein alter Mann mich bittet, ihm was zu geben, damit „es vorbei“ ist. Er war erschöpft, das Leben war in eine Negativspirale übergegangen, die Kräfte hatten ihn mehr und mehr verlassen, eine Erkrankung folgte auf die andere. So jemand hat eigentlich in einem Krankenhaus nichts zu suchen. Da bräuchte es ein Hospiz, wo die letzte Lebensphase liebevoll begleitet wird. Hospize waren damals noch nicht so verbreitet.

Was will ich mit all dem sagen? Wenn wir den Funktionieren-müssen-Modus verlassen, bekommen wir einen Blick auf die schönen und berührenden Seiten des Berufs. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, Mensch sein zu können. Wie viele Alte habe ich früher gesehen, die mit versteiften Gelenken in Embryohaltung im Bett lagen, mit Kontrakturen, wie es in der Fachsprache heißt. Sie sind lange nicht bewegt worden, völlig hospitalisiert wiederholen sie wenige Sätze, die ihnen geblieben sind. Vergessene, aus der Zeit gefallene Wesen. Als Kontrast fällt mir dazu ein Film auf Arte ein, den ich vor Kurzem gesehen habe. Ein Dokumentarfilm aus Frankreich, wo ein Tänzer in einem Altenheim scheinbar Unbewegliche wieder zum Leben erweckt. (Une jeune Fille de 90 ans, 90 Jahre sind kein Alter, von Yann Coridian und Valeria Bruni Tedeschi, Frankreich 2017)

Hoffnung verbreiten, Ideen teilen, Respekt erweisen

Wir können keinen retten, keinem sein Leid abnehmen, aber mit unserem Fachwissen die Wundheilung unterstützen, die richtige Mobilisierung durchführen, den Abschied begleiten. Und wir sollten aufhören helfen zu wollen. Zu diesem Thema wird es einen separaten Artikel geben, nur so viel für heute: Die Medizinerin Rachel Naomi Remen unterscheidet zwischen „helfen“, „In-Ordnung-bringen“ und „dienen“. Hört sich erstmal schräg an, ist es aber nicht. Beim „helfen“ bin ich nicht auf Augenhöhe, sondern meine zu wissen, was dem anderen hilft, was er braucht. Das geschieht aber durch meine Brille, nicht durch diejenige des anderen. Vielleicht nehme ich ihm dadurch mehr weg. Beim „In-Ordnung-Bringen“ sehe ich das Leben des anderen als etwas Kaputtes an, was repariert werden muss. Diese Sichtweisen wirken laut Remen erschöpfend, weil wir uns stark wähnen. Erst beim „Dienen“ verstehen wir uns als Diener des Lebens, sehen in uns und den anderen, dass das Leben ganz und heil ist, trotz aller körperlichen und psychischen Einschränkungen. Sie sagt: „Wir dienen dem Leben nicht, weil es kaputt ist, sondern weil es heilig ist. Dienen setzt das Wissen voraus, dass unsere Menschlichkeit stärker ist als unser Fachwissen.“ (Rachel Naomi Remen in: Lissa Rankin, Heilige Medizin, Auf der Reise zu den Geheimnissen der Heilung, S. 244f., Aurum, Bielefeld, 2022)

In meiner Jugend habe ich sogenannte Älteste erlebt, die nicht die Fähigkeiten hatten, Menschen ins oder im Leben zu begleiten. Sie haben einfach ihre starre Weltsicht verbreitet. Sie waren nicht auf Augenhöhe, haben sich über die anderen erhoben und entschieden, was richtig oder falsch ist, wer dazu gehört oder nicht. Älteste, wie ich sie heute verstehe, sind Diener des Lebens. Auf der Abenteuerreise zu meinem Buch sind mir einige Autoren begegnet, die, häufig zum Ende ihrer Laufbahn, sich mit der einschränkenden Sichtweise der Medizin auf den Menschen befasst haben. Auch ihnen wirst du in meinem Buch begegnen.

 

    • Was kannst du tun, wenn du noch mitten im Berufsleben stehst?

    • Stärke dein Selbstbewusstsein

    • Betreibe Selbstfürsorge

    • Finde einen Bereich, der deinen Interessen entgegenkommt, der dir Spaß macht

    • Verlerne das Helfen und Reparieren

    • Finde heraus, was dich persönlich stört und fange dort an, wo dein größter Schmerz ist. Ergreife die Möglichkeiten, die du hast.

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