Wertschätzung: Eine Begegnung aus dem Pflegealltag
Wir Pflegenden sprechen oft über fehlende Wertschätzung.
Doch manchmal wissen wir gar nicht, welche Wirkung wir wirklich auf Menschen haben.
Eine Begegnung mit einem Patienten an meiner letzten Arbeitsstelle in der Schweiz hat mir das eindrücklich gezeigt.
Der Patient – nennen wir ihn Herrn Schneider, lag mit einem neurologischen Leiden auf einer Überwachungsstation. Schon einmal war er im Spital gewesen, hatte sich aber auf eigene Verantwortung wieder entlassen. Er sollte sich einem Eingriff unterziehen, vor dem er große Angst hatte. Nicht nur der Eingriff versetzte ihn in Panik – er litt zusätzlich unter einer generalisierten Angststörung.
Patienten mit psychischen Auffälligkeiten gelten schnell als schwierig. Sie müssen mit Samthandschuhen angefasst werden und bringen leicht Sand ins Getriebe eines ohnehin stressigen Spitalalltags.
Als ich Herrn Schneider während seines nächsten Aufenthalts betreute, erzählte er mir von seiner Kindheit. Er war in einer Großfamilie mit zehn oder zwölf Kindern aufgewachsen. Die Familie lebte in bitterer Armut. Mit fünfzehn Jahren wurden die Kinder aus dem Haus geschickt – von da an mussten sie für sich selbst sorgen. Liebe oder Zuneigung hat er in seiner Herkunftsfamilie nie erfahren. Es ging ums nackte Überleben.
Dann erzählte er mir von seinem vorherigen Aufenthalt im Spital.
Als er damals auf eigene Verantwortung ging, begleitete ihn eine Kollegin zur Pforte und zum Taxi. Beim Abschied umarmte sie ihn spontan.
Diese Umarmung hatte ihn tief berührt.
Er sagte mir, es sei die mütterliche Umarmung gewesen, auf die er als Kind immer gewartet habe – und die er nie bekommen hatte.
Die Kollegin, die ihn damals verabschiedete, hätte nie erfahren, was diese kleine Geste für ihn bedeutete. Ich weiß davon nur, weil Herr Schneider wieder auf unsere Abteilung kam und mir davon erzählte.
Deshalb möchte ich euch etwas von dem Druck nehmen, der in der Pflege oft entsteht, wenn wir über fehlende Wertschätzung sprechen.
Bei Patientinnen und Patienten können wir Wertschätzung nicht aushandeln. Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation, haben Angst, Schmerzen oder Sorgen. Ihre Prioritäten liegen woanders. Die Situation mit Arbeitgebern und Kollegen ist davon zu unterscheiden – das war und ist immer wieder Thema in diesem Blog.
Was wir tun können, ist etwas anderes: ihnen mit der bestmöglichen Version unseres Selbst zu begegnen.
Wenn wir authentisch handeln, wenn wir als Mensch reagieren und nicht nur als Funktion, dann geschieht Wertschätzung oft im Stillen – auch wenn wir sie nicht direkt zurückbekommen.
Die amerikanische Ärztin Rachel Naomi Remen formuliert es so:
„Helfen und In-Ordnung-Bringen schaffen eine Distanz zwischen Menschen, eine Erfahrung der Verschiedenheit.
Wir können jedoch nicht auf Distanz dienen.
Wir können nur dem dienen, dem wir tief verbunden sind, dass wir bereit sind zu berühren.“
Vielleicht werden wir nie erfahren, welche Wirkung unsere Gesten wirklich haben.
Aber manchmal reicht eine einzige Umarmung, um ein ganzes Leben zu berühren.
Rachel Naomi Remen in: Rankin, Lissa 2022, S.244, Heilige Medizin. Auf der Reise zu den Geheimnissen der Heilung, Aurum in Kamphausen, Bielefeld.
2 Comments
Liebe Ruth
Herzlichen Dank für die berührende Geschichte. Für mich geht es dabei weniger um Wertschätzung, sondern um das Gefühl eines tiefen Angenommenseins.
Herzlichst Kerstin
Liebe Kerstin,
es freut mich, dass dich die Geschichte berührt hat! Der Patient hat sich angenommen gefühlt, diese Geste hat etwas in ihm berührt, was er sein Leben lang gesucht hat. Die Wertschätzung ist auf das Pflegepersonal bezogen. In meinen Interviews habe ich oft gehört, dass „zu wenig zurück kommt“. Für das was sie als Pflegende leisten, erleben sie wenig Anerkennung. Mit dieser Geschichte will ich zeigen, dass wir von Patienten keine direkte Anerkennung oder Wertschätzung erwarten brauchen. Wenn wir uns echt zeigen, kann es die Patienten berühren und stärken, ohne dass wir je davon erfahren.