8. März 2026

Eindrücke aus einem Frauenberuf – Pflegende zum Weltfrauentag

#GivetoGain #IWD2026 #CareIstKeineOptionSieIstDieGrundlageUnseresLebens

Dieser Blog ist den Pflegepersonen gewidmet, die mir ihre Geschichten für mein Buch anvertraut haben. Zehn Frauen und ein Mann. Zwölf Kapitel sind daraus geworden – weil ein Interview den Rahmen sprengte. Die Namen sind verändert.

Zum Weltfrauentag gibt es viele Mottos.
Mich hat das Motto von International Women’s Day angesprochen:
Give To Gain. Geben, um zu gewinnen.

Mein Geben besteht darin, die Erfahrungen und Gedanken dieser Pflegenden sicht- und hörbar zu machen.
Jede dieser Frauen und der eine Mann haben in Teil 1 meines Buches WHO CARES ihren Auftritt.
Anja, Inge, Margret, Erika, Katharina, Esther, Anna, Mara, Jens, Julia, Rosa – danke für eure Offenheit.


Patriarchale Rollenverteilung. Ich hatte gelernt, nirgendwo anzuecken.

Anja absolvierte ihre Ausbildung vor fast 40 Jahren in einem stark patriarchal geprägten System. Abwertung und sexuelle Übergriffe gehörten zu ihrem Berufsstart. Pflege hatte „den Rücken freizuhalten“, Entscheidungen traf die überwiegend männliche Ärzteschaft.

Patienten wurden nicht mit Namen angesprochen. Bakschisch war üblich. Hierarchien waren strikt. Diese Schule wirkt nach. Anja ertappt sich noch heute dabei, es allen recht machen zu wollen.
Das „liebe Mädchen“ wird zur zweiten Haut – und es braucht ein Leben, sich davon zu lösen.


Was bestehen will, muss sich ändern

Inge hat Systemwechsel erlebt – persönlich wie politisch.
Als Gemeindeschwester in der DDR war Pflege Beziehungsarbeit. Türen standen offen. Vertrauen war Kapital.

Mit der Wende kamen Zeitvorgaben. Effizienz statt Bedürfnisorientierung.

Sie hat sich vieles erkämpft und über die Berentung hinaus gearbeitet.
„Es soll nicht umsonst gewesen sein.“

Bis zuletzt verstand sie sich als Lobby ihrer Patienten – oft entsetzt über Missmanagement und fehlende Dokumentation, die unnötige Klinikaufenthalte zur Folge hatte.


Herzblut als Auslaufmodell?

Margret wählte ihren Beruf aus Dankbarkeit – als ehemals schwerkrankes Kind.

Sie erlebte beides: liebevolle Zuwendung – und später die Akzeptanz therapeutischer Grenzen, als ein ALS-Patient sterben durfte.

Pflege war für sie Berufung. Heute erfüllt sie mit Sorge, dass „Herzblut“ nicht mehr gefragt scheint.
Und damit meint sie nicht Sentimentalität, sondern Empathie und Fachwissen.


Jetzt geht es nur noch darum, die eigene Weste sauber zu halten

Erika ist scharf beobachtend und humorvoll. In der Notaufnahme lernte sie, schnell Zugang zu Menschen zu finden.

Als Managementstrukturen sich veränderten, bildete sie sich weiter – Kommunikation, Supervision, Selbstfürsorge.

Doch Rückendeckung blieb aus. Es wurde gespart – an Personal, an Schutz, an Menschlichkeit.

Als bei Pflegefehlern nur noch die Versicherungsfrage interessierte, nicht die Ursache, war für sie eine Grenze erreicht.


Für was soll ich mich so kaputt machen lassen?

Katharina liebt ganzheitliche Pflege. Doch Fallpauschalen und Zeitdruck machten würdige Begleitung kaum noch möglich.

„Der Waschlappen ist nur noch über die drüber geflogen und die Patienten waren völlig überfordert.“

Corona brachte sie an ihre Grenze.
Sie verließ den Akutbereich – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern um selbst zu überleben.
Mit ihr ging Wissen verloren.


Man hat das Gefühl, nicht gehört worden zu sein.

Esther baute Abteilungen auf – erst in der DDR, dann in der Schweiz.

Mehr Aufgaben, weniger Personal, sinkende Wertschätzung.

Was sie hält, sind die berührenden Momente.
Ein Palliativpatient sagte zu ihr:
„Ich bin jedes Blatt, das an Ihrem Fenster vorbeifliegt.“


Ich will würdige Abschiede ermöglichen

Anna wechselte aus einem technischen Beruf in die Pflege, berührt von der Begleitung ihrer Großmutter.

In der Intensivpflege erlebte sie den Konflikt zwischen Machbarkeit und Sinn.
„Die Ärzte kämpfen ums Überleben – die Pflege um ein würdiges Sterben.“

Sie zitiert Gian Domenico Borasio:
Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein – oder sie wird nicht mehr sein.


Bewusstsein für das eigene Können

Erika, heute in der Palliativpflege und Lehre, stärkt Kolleginnen im empathischen Zuhören.

Viele wissen nicht, was sie können.
Sie sind an die zweite Reihe gewöhnt.

Ein Satz kann Nähe schaffen – oder Distanz.


Ich will andere so behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte

Mara wuchs in eine traditionelle Frauenrolle hinein.
Erst in der Coronazeit lernte sie, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Pflege hat sie demütig gemacht – im Sinne von bewusst.


Das hat was gemacht mit mir

Jens kam über den Zivildienst zur Pflege.

In Deutschland bereitete er Patienten auf dem Flur für eine Darmspiegelung vor – aus Platzmangel.

In der Schweiz wurde ihm zugehört.
Er wünscht sich, dass wir uns wieder an das Positive erinnern: Begegnung auf Augenhöhe.


Gebt doch Acht auf die Leute, die ihr habt

Julia arbeitete auf einem Medizinalschiff, bei der Luftrettung, auf Intensivstationen.

Sie zweifelt an grenzenloser Therapieverlängerung und leidet unter Dokumentationsflut.

Ihre Frage: Warum sorgt man nicht besser für das bestehende Personal?


Ich wollte wieder Energie haben zum Leben

Rosa machte aus einem Studentenjob ihre Lebensaufgabe.

Sie arbeitete Doppelschichten als alleinerziehende Mutter.
Studierte Management. Spezialisierte sich auf Altenhilfe, übernahm Heimleitungen.

Sie erlebte Mobbing.
Und Erschöpfung.


Zum Weltfrauentag

Diese Geschichten erzählen von Kompetenz, Loyalität, Mut – und von struktureller Geringschätzung.

Pflege ist historisch ein Frauenberuf.
Und Care-Arbeit wird gesellschaftlich noch immer unterschätzt.

Wenn wir am Weltfrauentag über Gleichberechtigung sprechen, dann müssen wir auch über Pflege reden.

Über Arbeitsbedingungen.
Über Würde.
Über Sichtbarkeit.

Give To Gain.

Vielleicht beginnt das Gewinnen damit, denen zuzuhören, die seit Jahrzehnten geben.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Teile diesen Post in deinem Netzwerk