Goldene Regel und Pflegeethik
„Das ist unwürdig.“
Ein Satz, der in meinen Interviews immer wieder gefallen ist.
Manchmal leise.
Manchmal erschöpft.
Manchmal fast beiläufig.
Und doch beschreibt er sehr genau, was viele Pflegende erleben:
Den Moment, in dem sie spüren, dass das, was sie tun – oder tun müssen – nicht mehr dem entspricht, was sie einmal für richtig gehalten haben.
Dabei ist das innere Bild oft ein anderes.
ANJA
„Obwohl Anja eigentlich so erzogen war, andere Menschen zu behandeln, wie sie selbst gerne behandelt werden würde, erinnert sie sich, dass sie oft genug auch in dieses Fahrwasser geraten ist, Patienten respektlos zu begegnen.“ (Who Cares, S. 18)
ERIKA
„Ja, das Krankenhaus ist eine Firma und hat Angestellte. Aber es hat andere Inhalte als eine Bierflaschenfabrik. Die Menschen müssen individuell behandelt werden. Die Pflege sollte so individuell behandeln, wie man seine Angehörigen individuell gepflegt haben möchte. Und dann würde es funktionieren.“ (Who Cares, S. 84)
MARA
„Ich will andere Menschen so behandeln, wie ich selbst gerne behandelt werden möchte.“ (Who Cares, S. 86)
Die Goldene Regel als innerer Kompass
Ein Großteil der Pflegenden – vielleicht sogar die meisten – handelt nach ethischen Prinzipien, ohne sie ständig bewusst zu reflektieren.
Sie arbeiten mit Menschen und wollen sie nach bestem Wissen und Gewissen versorgen.
Oft ist es die Goldene Regel, die sie leitet:
Ein uraltes ethisches Prinzip, das seit Jahrtausenden als Orientierung für menschliches Miteinander gilt.
In meinen Interviews wurde schnell deutlich:
Ethische Fragen werden unmittelbar mit Menschenwürde verknüpft – oder mit ihrem Fehlen.
„Das ist unwürdig. Das ist menschenunwürdig, was da passiert …“
Pflegeethik und Menschenwürde
Auch im internationalen Berufsethos der Pflege ist das klar verankert.
Der ICN-Code-of-Ethics beschreibt die Aufgaben von Pflegekräften als:
- Gesundheitsförderung
- Krankheitsverhütung
- Wiederherstellung von Gesundheit
- Linderung von Leiden
- Begleitung des Sterbens in Würde
Zugleich wird betont:
Menschenrechte sind der Pflege inhärent.
Pflege und Menschenrechte sind untrennbar miteinander verbunden.
Pflege ohne Wahrung der Menschenrechte widerspricht ihrem eigenen Anspruch.
Und trotzdem wird immer wieder gefragt:
Wie kann dieser Beruf attraktiver werden?
Lasst die Menschen in der Pflege ihr Berufsethos erfüllen.
Der ICN geht noch einen Schritt weiter:
Auch die Rechte der Pflegenden selbst sind Teil der Menschenrechte – und müssen geschützt werden.
Was bedeutet das konkret?
Würde hat mit Wert zu tun.
Wenn ein Mensch in seinem Wert gesehen wird, entsteht Raum:
- Raum für Zeit
- Raum für Zuwendung
- Raum für echte Begegnung
Und das gilt für beide Seiten.
Für Patientinnen und Patienten – und für Pflegende.
Eine Pause ist dann eine Pause.
Und nicht etwas, das man sich „irgendwie noch nimmt“.
Wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen
Im Pflegealltag zeigt sich jedoch immer wieder, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist.
Beispiele für ethische Konflikte:
Verletzung der Menschenwürde
- Abführmaßnahmen auf dem Krankenhausflur
- Akkordpflege
- Keine Zeit für grundlegende Pflegemaßnahmen (Essen eingeben, Lagern, Waschen)
- Respektlosigkeit gegenüber Patientinnen und Patienten
- Menschen werden nicht einbezogen, übergangen oder ignoriert
Missachtung der Autonomie
- Patientenverfügungen werden nicht eingehalten
- Lebenserhalt um jeden Preis, ohne die Folgen ausreichend zu bedenken
- Fehlende Aufklärung darüber, dass Therapien auch abgebrochen werden können
Mangelnde Fürsorge
- Patientinnen oder Patienten sterben unbemerkt
- Pflegehandlungen unter Zeitdruck, die zusätzlich belasten oder verwirren
- Erwartung einer „Reparatur“, ohne die eigene Lebensweise zu reflektieren
- Arbeitsbedingungen, die in Erschöpfung oder Burnout führen
- Zunehmender Rückzug von Pflegenden („quiet quitting“, Ausstieg aus dem Beruf)
Quelle: die von mir Interviewten.
Was sich verändert hat
Ein wiederkehrendes Thema ist die fehlende Wertschätzung.
Eine Interviewpartnerin sagte: „Früher hatten wir Oberinnen, jetzt Manager. Mit den Oberinnen ist der Geist aus den Krankenhäusern verschwunden.“
Darin steckt weniger eine Verklärung der Vergangenheit als eine Beobachtung:
Früher war Pflege oft stärker von einem ganzheitlichen Verständnis geprägt – mit Blick auf Patientinnen, Patienten und Personal zugleich.
Heute stehen andere Logiken im Vordergrund. Ökonomische Anforderungen sind real – aber sie verändern, was mal Konsens war: dass Krankenhäuser nicht dem Gewinn verpflichtet sein sollten.
Wenn Wirtschaft sich von ihrem ursprünglichen Sinn entfernt, der Versorgung von Menschen, verliert sie leicht den Bezug zu dem, worum es eigentlich geht.
Die Goldene Regel – und ihre Grenze
Goldene Regel: Behandele andere so, wie du behandelt werden möchtest!
So einfach ist sie. Und so schwer ist sie geworden.
Nicht, weil Pflegende sie vergessen hätten, sondern weil die Bedingungen oft nicht mehr zulassen, nach ihr zu handeln.
Und genau darin liegt die eigentliche Zumutung.
Für die, die gepflegt werden. Und für die, die pflegen.
Vielleicht beginnt die Rückkehr zu dieser Regel nicht im System, sondern im Wahrnehmen dessen, was nicht mehr stimmt.
In dem Moment, in dem jemand sagt:
„Das ist unwürdig.“ Und nicht mehr darüber hinweggeht.
ICN-Code-of-Ethics: https://www.dbfk.de/media/docs/newsroom/publikationen/ICN_Code-of-Ethics_DE_WEB.pdf

Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens