10. Mai 2026

Der stille Tod im Krankenhaus

Der stille Tod im Krankenhaus – was in den letzten Stunden zählt. Eine Pflegegeschichte.

Letzte Woche ist mir im Traum ein Patient begegnet, der unbemerkt in meiner Schicht gestorben ist. Dieses Ereignis liegt über zehn Jahre zurück. Es geschah auf derselben Station, deren Arbeitsbedingungen später Anlass für mein Buch „Who Cares“ wurden.

Das Thema Care und Pflege begleitet mich mein Leben lang. In solchen Momenten der Erinnerung wird mir besonders deutlich, was es bedeutet: Wir werden als abhängige Wesen geboren, erlangen eine gewisse Selbstständigkeit, bleiben aber als Menschen soziale Wesen, die aufeinander angewiesen sind. Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens.

Herr Schmitz – eine Begegnung, die bleibt

Für mich war es ein Temporäreinsatz, vielleicht eine Woche, eher ein Monat. Für den Patienten – nennen wir ihn Herrn Schmitz – war es der letzte Abschnitt seines Lebens. Weder alt noch jung, ungefähr in dem Alter, in dem ich selbst inzwischen angekommen bin, zwischen sechzig und siebzig.

Die wenigen Erinnerungen an Herrn Schmitz: Sein Tumor am Hals war bereits durch die Haut gebrochen. Es war Nachmittag oder früher Abend. Er wollte duschen und benötigte danach vermutlich einen frischen Verband. Ich erinnere keine Gespräche, eher eine stille Zwiesprache über Blicke und Gesten. Ich sehe ihn noch vor mir: frisch geduscht, in einem sauberen Pyjama, einem dieser glänzenden Satinschlafanzüge mit Karos in gedämpften Farben. Er saß im Bett, wirkte ruhig, vorbereitet auf die Nacht.

Der Tod muss leise gekommen sein. Niemand im Zimmer hat es bemerkt, keine Luftnot, keine Panik – sonst hätte jemand Alarm geschlagen. Vielleicht ist Herr Schmitz einfach eingenickt, ein wenig müde vom warmen Wasser, und nicht mehr aufgewacht. Unaufgeregt. Still. Was man gemeinhin einen „schönen Tod“ nennt.

Warum berührt mich das nach über zehn Jahren noch? Ich frage mich, wie Herr Schmitz seine letzten Stunden erlebt hat. Hat er etwas gespürt? War das Duschen eine Art rituelle Reinigung? Wäre Zeit für ein Gespräch gewesen – hätte ich etwas von seinen Gedanken und Gefühlen erfahren?

So aber waren die letzten Menschen, denen er begegnete, zwei abgehetzte Krankenschwestern, die durch die Zimmer liefen und versuchten, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Das Nötigste zu tun.

Was ist das Nötigste?

Menschen mit Essen, Verbänden, Medikamenten und sauberer Wäsche zu versorgen?
Oder sie als ganze Menschen wahrzunehmen – mit Ängsten, Freuden, Bedürfnissen, Erinnerungen und einem Leben jenseits der Krankenhausmauern?

Für mich ist nicht entscheidend, dass er allein gestorben ist. Mich beschäftigen die Stunden davor. Wie war diese Zeit für ihn? Was hat er wahrgenommen?

Vielleicht verschiebt sich etwas, wenn wir die Situation für einen Moment mit den Augen des Patienten sehen. Wenn wir innehalten. Wenn wir aus der Geschäftigkeit heraustreten – und dem anderen zeigen: Ich sehe dich.

Was wirklich zählt

Im letzten Blog ging es um die Goldene Regel: Menschen so zu versorgen, wie man selbst versorgt werden möchte – mit Würde.

Vielleicht beginnt genau hier ein anderes Verständnis davon, was wirklich zählt. Wenn wir unserem Gegenüber als Mensch begegnen, spüren wir vielleicht etwas vom Mysterium des Lebens. Im Krankenhaus bewegen wir uns tagtäglich im Zwischenbereich von Leben und Tod. Mein Wunsch ist, dass wir Menschen uns der Heiligkeit dieses Raums bewusst werden, und das Leben und Sterben in uns und den anderen ehren.

Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens.

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2 Comments

  • Hannelore Rohsa

    Hej, ich habe das auch so erlebt. Die Zeit bis zum Tod. Er kommt leise ins Zimmer und stellt sich ans Bett. Dort wartet er , bis alle gegangen sind. Man merkt die Stille und den Frieden, der vom Patienten und dem Tod ausgeht.
    Keine Angst im Raum.

    Dieses habe ich so sehr oft erlebt und auch meinen Frieden damit gemacht.

    • Avatar-Foto

      Liebe Hanne,
      Danke für deine Anmerkungen! In diesem Fall kam er wirklich unerwartet. Es tat mir nur Leid für den Patienten, dass sein Tod im Alltagsgewusel untergegangen ist. Ohne ein Wort des Abschieds oder des Austauschs.

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