Pflege als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen
„Für was soll ich mich so kaputt machen lassen von dem System? Vielleicht bin ich morgen tot!“ Das sagt Katharina, eine der Pflegefachfrauen, die ich für mein Buch „Who cares“ interviewt habe. In dem Kapitel über Katharina geht es um zwei große Strömungen: zum einen um das persönliche Innehalten nach einem Burn-out und das Hinterfragen, was das eigene Leben wert ist. Zum andern geht es um die Auswirkungen des neoliberalen Wirtschaftsverständnisses auf das Leben der Menschen, wie sie Tim Jackson als eine „Ansammlung von Systemfehlern“ beschreibt.
Genau diese Ansammlung von Systemfehlern finden sich in den Beschreibungen von Katharina wieder:
- Der ökonomische Druck der Kliniken, Gewinn zu machen, führt zu erhöhtem Arbeitsdruck, Überlastung des Personals und schlechter Versorgung der Patienten.
- Die abqualifizierte Fürsorgearbeit, die sich z.B. in fehlender Wertschätzung zeigt.
- Der Wachstumsmythos der modernen Medizin, Leugnen von Grenzen, Leben um jeden Preis.
- Leistung, Konkurrenz, Stress, Zunahme von psychischen Erkrankungen.
- Ungerechte Verteilung der Gelder, „die Verhältnisse auf dieser Welt passen nicht mehr überein“.
Sie spannt den Bogen von den Erlebnissen in Krankenhaus und Pflege zu anderen Arbeitsbereichen und gesellschaftlichen Zuständen im Allgemeinen. Die Verhältnisse stimmen nirgendwo mehr. Aber in der Pflege sei es schon prekär, weil es um den ganzen Menschen gehe!
Nicht erst seit der Beschäftigung mit den Interviews zum Buch habe ich das Krankenhaus als Spiegel der Gesellschaft erlebt. Aber insbesondere durch die Aussagen meiner Interviewpartnerinnen verstehe ich mehr und mehr die Pflege als Seismograf für die Zustände an der Basis der Gesellschaft.
Gerade in der Pflege werden gesellschaftliche Widersprüche besonders sichtbar. Hier stehen Tätigkeiten im Mittelpunkt, die für das Funktionieren einer Gesellschaft unverzichtbar sind, wirtschaftlich jedoch oft gering bewertet werden.
Warum? Pflege ist historisch ein Frauenberuf und der Tätigkeitsbereich der Pflege erstreckt sich über Sorge, Fürsorge, Fürsprache für Kinder, Kranke, Alte und Hilfsbedürftige. Alles Bereiche, die nicht ins neoliberale Bild von Leistung, Konkurrenz und Produktionssteigerung passen.
Wenn alte Gewissheiten ins Wanken geraten
Die Coronakrise hat die Menschheit zum Anhalten gezwungen. Plötzlich wurde sichtbar, wie sehr unser Alltag von Sorgearbeit abhängt – von Pflegekräften, Angehörigen, Erzieherinnen, Nachbarschaften und sozialen Netzwerken. Das Verständnis von gesellschaftlichem Wohlstand hat sich verändert. Und es wurde spürbar, dass das Leben kurz sein kann. Plötzlich stand der Wert des Lebens im Fokus!
Hinzu kommen weltweite Auswirkungen der Klimaveränderungen, Menschen flüchten aus Krisengebieten. Es wird offensichtlich, dass wir nur einen Planeten haben und dass die Sorge für Mensch und Planet zusammengehört.
Warum ist es so schwierig zu verstehen, dass ökonomisches Denken von vor 250 Jahren nicht mehr zu den Anforderungen der heutigen Zeit passt?
Weltweit entstehen neue Antworten
Überall tauchen ähnliche Fragestellungen auf. Es geht darum, wie wir mit den endlichen Ressourcen unseres Planeten umgehen, wie gerechte Verteilung möglich ist, was es zu einem guten Leben für alle braucht. Weltweit entstehen neue Denkansätze, die Care aus der Unsichtbarkeit holen wollen. Diese Entwicklungen stammen aus unterschiedlichen Weltregionen und politischen Traditionen. Dennoch weisen sie in eine ähnliche Richtung: Care wird zunehmend nicht mehr als private Angelegenheit betrachtet, sondern als gesellschaftliche Infrastruktur.
- In einigen Staaten Lateinamerikas gibt es seit 2025 ein Recht auf Care
- Der ICN (International Council of Nurses) hat einen erweiterten Pflegebegriff eingeführt
- Economy Ansätze stellen Care ins Zentrum
- Wellbeing Ansätze verabschieden sich von steigender Produktion als Wohlstandskriterium
- Der Think Tank Demos Helsinki spricht von einer Care-Transition, einem Übergang.
„Wenn die angemessene Versorgung der Bürger eine Frage der Ressourcen ist, dann muss unser Ressourcenpool erweitert werden. Wenn wir eine Gesellschaft aufbauen wollen, in der Fürsorge grundlegend ist, dann muss der Gesellschaftsvertrag selbst erneuert werden.
Die Pflege ist einer der entscheidenden Punkte, an denen der europäische Sozialvertrag gelingen oder scheitern kann. Hier treffen institutionelle Versprechen auf den Alltag, und hier wird die Kluft zwischen beiden am deutlichsten spürbar. Wir erleben einen gesamtgesellschaftlichen Wandel im Pflegebereich, der ebenso grundlegend ist wie die Dekarbonisierung oder die Digitalisierung.“ (https://demoshelsinki.fi/events/the-new-care-contract-is-europe-ready-for-the-transition/)
Die Interviews aus „Who cares“ spiegeln diese Entwicklungen.
Vom Schutz der Menschenwürde zum Recht auf Care
Nach der Erfahrung zweier Weltkriege mit unvorstellbarem Leid und Zerstörung, haben die Vereinten Nationen 1945 eine Charta verabschiedet, in der sie ausdrücken, künftige Geschlechter vor der „Geissel des Krieges“ bewahren zu wollen. Sie bekräftigen ihren Glauben an die Grundrechte der Menschen und den Wert und die Würde der menschlichen Person, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau und aller Nationen. (https://digitallibrary.un.org/record/1318134/files/Charter-German.pdf)
Die Allgemeine Menschenrechtserklärung folgte 1948 (https://www.ohchr.org/en/human-rights/universal-declaration/translations/german-deutsch). Im weiteren Verlauf wurde die Achtung der menschlichen Würde in viele Verfassungen übernommen, so auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof hat am 7. August 2025 einen bemerkenswerten Schritt vollzogen. Er hat das
- Recht auf Care/Pflege
- Recht gepflegt zu werden
- Recht auf Selbstfürsorge
anerkannt.
Damit wird erstmals auf höchster rechtlicher Ebene ausdrücklich bestätigt, dass Menschen nicht nur Freiheitsrechte besitzen, sondern auch auf Sorge, Unterstützung und Fürsorge angewiesen sind. Verletzlichkeit und Abhängigkeit werden nicht länger als individuelles Versagen betrachtet, sondern als Teil des Menschseins.
In der Folge haben die Länder Bolivien, Venezuela, Dominikanische Republik, Ecuador und Mexiko-Stadt dieses Recht in ihre Verfassungen aufgenommen und andere Länder der Region haben Gesetze und Anordnungen zu Care-Politik ausgearbeitet.
Das Recht auf Pflege beruht u.a. auf Gleichheitsprinzipien und der Erkenntnis, dass menschenwürdige Arbeit dem Schutz von Menschen und Planeten dient.
Warum Care zur Zukunftsfrage wird
Warum wird überall an einem neuen Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft gearbeitet?
Die Erfahrungen von Leid, Kriegen, Ungerechtigkeiten und Katastrophen haben deutlich werden lassen, dass Grenzen nur in den Köpfen existieren. Wie wir miteinander und der Natur umgehen, betrifft ausnahmslos alle. Menschen, Tiere, Pflanzen, alle Lebewesen und auch die unbelebte Natur spüren die Konsequenzen. Care, die Sorge füreinander rückt immer mehr ins Zentrum. Durch das Ausblenden von Fürsorge als Grundlage menschlichen Lebens sind die Folgen schmerzlich spürbar geworden.
Der Umgang mit Care könnte tatsächlich das Zünglein an der Waage sein, ob unsere Gesellschaften lebensfreundlicher werden, oder nicht. Vielleicht erklärt das, warum Care weltweit zunehmend aus dem Schatten tritt.
Denn die Frage nach Care ist letztlich die Frage, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen.
Care ist keine Option – sie ist die Grundlage unseres Lebens.
Quellen:
Demos Helsinki 2022: https://demoshelsinki.fi/wp-content/uploads/2022/01/Turning-the-tide-v.022022.pdf und https://demoshelsinki.fi/publication/an-emergent-economic-movement-in-europe/
Demos Helsinki 2026: https://demoshelsinki.fi/events/the-new-care-contract-is-europe-ready-for-the-transition/
Jackson, Tim 2021: Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn, Oekom Verlag München.
Knobloch, Ulrike; Theobald, Hildegard et.al. (Hrsg.) 2022: Caring Societies – Sorgende Gesellschaften, Neue Abhängigkeiten, oder mehr Gerechtigkeit? Beltz Juventa, Weinheim, Basel, E-Book, Open Access: https://beltz.de/fachmedien/soziologie/caring-societies-sorgende-gesellschaften/BEL447197
Kummer, Ruth 2026: Who Cares? Pflege zwischen Erschöpfung und Aufbruch, Books on Demand, Hamburg.
Kummer, Ruth, Blog vom 24.05.26 https://ruthkummer.com/pflege-neu-denken-was-die-icn-neudefinition-wirklich-bedeutet/
Praetorius, Ina: https://bzw-weiterdenken.de/2025/10/care-ins-zentrum-die-verabredung-von-tlatelolco-und-ihre-bedeutung-fuer-den-rest-der-welt/
UN Publications: The Care Society Governance, Political Economy and Social Dialogue for a Transformation with Gender Equality, https://repositorio.cepal.org/server/api/core/bitstreams/e7d65ee9-d1f7-483a-aad4-1f2b3784ad26/content
UN-Charta Menschenrechte: https://digitallibrary.un.org/record/1318134/files/Charter-German.pdf
UN-Menschenrechtserklärung: https://www.ohchr.org/en/human-rights/universal-declaration/translations/german-deutsch
Wirtschaft ist Care: https://wirtschaft-ist-care.org/was-europa-von-lateinamerika-lernen-kann-3/ (Link zur Online Lesung)