Berufsausstieg: Der Pflegeberuf wird geliebt, aber fast keiner würde ihn wieder wählen!
Worum es geht:
Ein schockierendes Ergebnis meiner Interviews mit Pflegefachleuten war, dass die Wenigsten ihren Beruf wieder wählen würden, obwohl sie ihn lieben!
Das ist kein persönliches Problem, sondern ein Versagen der Gesellschaft. Das, was Pflegende an ihre Grenzen bringt, beschreiben sie als „unmenschlich“ oder „unethisch“, werden aber damit allein gelassen.
Es wird als ihr persönliches Problem behandelt: „Wenn es dir nicht passt, kannst du ja gehen“!
Einerseits wirbt eine Krankenpflegeschule in Deutschland mit dem Slogan: Die Gesellschaft braucht dich! Andererseits lässt diese Gesellschaft dich mit den Herausforderungen allein.
Ich zeige die Muster, in denen sich Pflegende verheddern und erschöpfen.
Who cares?
Wer kümmert sich und wen kümmert es, wenn du als Pflegeperson am Limit bist? Wenn Menschlichkeit auf der Strecke bleibt? Für dich und die Patienten.
Mein Buch „Who cares – Pflege zwischen Erschöpfung und Aufbruch“ erscheint in Kürze. Dazu habe ich 11 Pflegefachleute aus der Schweiz und Deutschland zu ihrem Beruf befragt. Warum sie ihn gewählt haben, was ihnen unvergessen ist, wie sie ihren Arbeitsalltag und Veränderungen erleben.
Einige sind aus Unkenntnis hineingeschliddert, andere haben ihn bewusst gewählt. Eine Kollegin hat sogar den Beruf gewechselt, um etwas Sinnvolles zu tun, sie will der Gesellschaft etwas zurückgeben.
Alle schätzen und lieben den Beruf und nur zwei von elf würden ihn wieder wählen! Was läuft da falsch?
Belastungen im Beruf
- Fehlende Wertschätzung
- Fehlende Beteiligung- Wir wollen gehört werden
- Fehlende Ganzheitlichkeit im Umgang mit den Patienten
Das ist der rote Faden der Gespräche. Fehlende Wertschätzung als Thema bei Pflegenden hat mir auch die emeritierte Pflegeprofessorin Christel Bienstein von der Uni Witten Herdecke bestätigt (siehe Interview: „Unsere Kollegen müssen mal mehr über ihre guten Taten berichten“). Warum die gesellschaftlich wichtige Pflegearbeit so wenig Anerkennung findet, erfährst du demnächst in diesem Blog.
Was lieben die Pflegenden an ihrem Beruf?
- Eine Tätigkeit, die Sinn macht
- Menschen in Krisensituationen unterstützen
- Die Verbindung von Herzblut (Sinn) und Professionalität
- Würde und Menschlichkeit in herausfordernden Situationen unterstützen
- Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und das Richtige tun
Was führt zu Frustration, Überdruss, Burn-out und Flucht aus dem Beruf?
1. Strukturelle Überlastung
Zeitdruck: „in Zeit gedrückte Pflege“, fehlende Pausen, Ökonomisierung vor Menschlichkeit, zu wenige Pflegende für zu viele Aufgaben.
Hierarchien & Dominanzstrukturen: Patriarchale Muster, Abwertung, Missbrauch (historisch und aktuell), Top-down-Entscheidungen ohne Beteiligung der Pflege.
Fehlende Ganzheitlichkeit: Behandlung von Symptomen statt des ganzen Menschen, psychische Ursachen körperlicher Beschwerden werden übersehen, technische Möglichkeiten verschleiern psychosomatische Not.
2. Individuelle Überlastung
Mangel an Wertschätzung: Nicht gehört werden, Ignorieren ihrer Expertise, geringes Selbstwertgefühl („nur Krankenschwester“), fehlende Anerkennung der emotionalen, kommunikativen und organisatorischen Leistungen.
Ethische Konflikte: Übertherapien am Lebensende, Uneinigkeit zwischen Patientenwillen und Angehörigen, Pflege trägt mit, wird aber selten einbezogen.
Fehlende Rahmenbedingungen: Keine psychologische Unterstützung, unzureichende Ausbildung oder begleitende Anleitung in herausfordernden Situationen, Bürokratie statt Beziehung.
Diese 6 Faktoren führen zu Überforderung und emotionaler Erschöpfung. Es folgen Rückzug, Resignation oder Berufsausstieg. Neun von elf Befragten würden den Beruf nicht mehr wählen, obwohl sie ihn lieben.
Die Muster, in denen Pflegende sich verheddern
Wie du, treten viele hoch motiviert an und gelangen durch ökonomische, bürokratische und hierarchische Vorgaben an ihre Grenzen. Dein Verständnis von Qualität und Ethik passt nicht in den hektischen Arbeitsalltag. Du funktionierst nur noch, weil der Laden irgendwie laufen muss.
Gefährlich am „Funktionsmodus“ ist, dass er Unmenschlichkeit Tür und Tor öffnet. Alles, was gegen das eigene Moralverständnis verstößt, landet im Unbewussten. Wenn du Glück hast, wird es durch irgendeinen Trigger ins Bewusstsein katapultiert. Ich habe es erlebt und mindestens eine Interviewpartnerin. Solange du mitten im Geschehen bist, bemerkst du es oft erst, wenn der eigene Körper streikt. Die Kluft zwischen Wollen und Sollen wird größer. Der Neurowissenschaftler Volker Busch drückt das so aus: wenn du deine Ziele nicht erreichen kannst, wird auch eine sinnvolle Aufgabe sinnlos.
Systeme prägen Muster
Ökonomische, bürokratische und hierarchische Vorgaben wirken erst mal übermächtig. So verlangt das ökonomische System eine Profitorientierung des Gesundheitswesens. Das ist nicht immer so gewesen und muss nicht immer so sein.
„Kein Mensch erwartet von Polizei und Feuerwehr, dass sie Gewinn machen“ (Prof.in Christel Bienstein). Dieses Zitat zeigt den Aberwitz der Marktorientierung des Gesundheitswesens. Wer behauptet, dass Krankenhäuser Gewinn machen müssen? Wem nützt es?
Wir sollten anfangen das zu hinterfragen, was uns krank macht. Geschlechterrollen, ökonomische und bürokratische Vorgaben sowie Hierarchien, werden auch von anderen Akteuren kritisch beleuchtet.
So legt die Integrierte Medizin Wert auf eine ganzheitliche Diagnosestellung und Betreuung der Patienten. Ökonomen wie der Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz richten ihr Augenmerk auf das einseitige Wachstumsverständnis der Wirtschaft, für das nur die Produktion relevant ist, nicht aber das Wohlergehen der Menschen. Sein Mantra: „Was du misst, beeinflusst, was du tust, und was du nicht misst, wird behandelt, als würde es nicht existieren.“
Riane Eisler, eine amerikanische Kulturhistorikerin, Soziologin und Befürworterin einer Care-Ökonomie richtet den Fokus auf das, was im herrschenden Wirtschaftsverständnis fehlt: Fürsorge. Ohne Fürsorge und Carearbeit ist Wirtschaft gar nicht möglich, sie wird aber behandelt, als würde sie nicht existieren. Unsere Wirtschaft beruht auf Messungen, die einen Teil der Realität ausblenden.
Die Pflegenden, die ich befragt habe, drücken genau das aus: wir werden nicht wertgeschätzt, nicht gesehen und gehört. Pflege und Carearbeit gehören zu den ausgeblendeten Faktoren. Die Nichtwertschätzung von Care und Pflege ist systemimmanent!
Muster sind veränderbar
Die gute Nachricht ist, Muster und Systeme sind veränderbar Wir selbst sind Teil des Geschehens und nicht Opfer. In Ländern die partnerschaftlicher und gleichberechtigt orientiert sind, werden Fürsorgetätigkeiten mehr wertgeschätzt!
Ein wichtiger Schritt für die Pflege: entwickelt ein Bewusstsein für den Wert eurer Arbeit und potenziellen Macht. Ihr seid der größte Akteur im Gesundheitswesen. Nehmt die Organisation und Entwicklung eures Berufes in die eigenen Hände, praktiziert Mitsprache. Ihr tut Gutes, dann redet darüber! Und redet miteinander, über euren Beruf und eure Erfahrungen. Ich war erstaunt, was mir manche Kollegen über ihren Werdegang und ihre Träume erzählt haben.
Eine Gesellschaft, die Pflege braucht, muss wissen, wie die Bedingungen für eine menschliche Versorgung auszusehen haben!
Literaturhinweise:
- Buresh, Berenice / Gordon, Suzanne 2006: Der Pflege eine Stimme geben. Was Pflegende wie öffentlich kommunizieren müssen, Hans Huber Verlag, Bern.
- Busch, Volker: Podcast Gehirn gehört, Folge 36, https://drvolkerbusch.de/podcast-gehirn-gehoert-ein-sinnvolles-leben/
- Eisler, Riane 2020: Die verkannten Grundlagen der Ökonomie. Wege zu einer Caring Economy. Büchner, Marburg, ePub, Kindle Version.
- Kummer, Ruth: Interview mit Prof.in Christel Bienstein: Unsere Kollegen müssen mal mehr über ihre guten Taten berichten, vom 9.1.2025 (auf dieser Webseite erhältlich)
- Stiglitz, Joseph E./Fitoussi, Jean-Paul/ Durand, Martine; 2019: Measuring what counts. The Global Movement for Well-being. The Movement for new metrics, beyond GDP. The New Press, New York, eBook.
- Coming soon:

4 Comments
Danke fürs Dranbleiben! Dieser Blog ist wichtig für den Austausch zwischen Pflegenden, aber auch für Aussenstehende wie mich, die wissen wollen, wie die Strukturen beschaffen sind, die so viel Leid und Frustration verursachen. Danke!
Danke dir, Ina! Ich bin auch froh, dass ich drangeblieben bin!
Herzliche Grüsse in die Schweiz
Liebe Ruth, ich möchte Dir gratulieren zu Deinem Blog und der Form und Inhalt der Veröffentlichung.
Phantastisch. Es ist sehr klar strukturiert. Danke
Jetzt verstehe ich auch das Grau und Rosa besser.
Möge Dein Blog ein voller Erfolg werden.
Herzlich Ute
Liebe Ute, danke dir für deine guten Wünsche!
Herzliche Grüße
Ruth